Das Konzept Intersektionalität

Intersektionalität bezeichnet die Analyse der Verflochtenheit und der wechselseitigen Abhängigkeit verschiedenster (Differenz-)kategorien und Diskriminierungsmechanismen, Macht-, Herrschafts-, und Ungleichheitsverhältnissen; es existieren jedoch diverse Definitionen (vgl. Kerner 2009: 370ff.).

Angestrebt wird eine integrative Perspektive, welche Kategorien nicht isoliert betrachtet oder lediglich addiert (wie die Triple-Oppression-Theory) sondern in ihrem Kontext und ihren Interdependenzen und Verwobenheiten untersucht.

Die Intersektionalitätsdebatte versucht hier nun zu verdeutlichen, dass diese Machtstrukturen sich gegenseitig beeinflussen, verstärken aber auch abschwächen können.

Durch die Intersektionalitätsdebatte können zudem auch weitere Kategorien (außer „Rasse“, Klasse oder „Geschlecht“) betrachtet werden (z.B. Alter, Sexualität, Aussehen, Nationalität…). So können Rassismen, Sexismen, kapitalistische Verhältnisse und weitere Unterdrückungsmechanismen in ihrer Verwobenheit analysiert und bekämpft werden .

So ist mensch nie nur eine Kategorie- nie nur „Frau“, „Mann“, „Arm“, „Reich“, „Schwarz“ oder „Weiß“ (→ s. Konstruktion von Kategorien) sondern immer eine Vielzahl weiterer, die miteinander verknüpft sind. Eine intersektionelle Diskriminierung liegt vor, wenn diese aufgrund mehrerer, sich wechselseitig bedingender und zusammenwirkender Kategorien vollzogen wird (vgl. Kerner 2009: 350ff.).

Das Paradigma Intersektionalität entwickelte sich aus dem Ansatz der Triple-Oppression- Theorie hervor, den Ansatz jedoch gab es bereits zu Beginn der ersten Frauenbewegung; im Jahre 1851 krtisierte die Frauenrechtlerin Sojourner Truth die Verknüpfung und die Präsenz von Rassismus und Klassenherrschaft innerhalb der Frauenbewegung.

Auch in Deutschland wurde bereits in der ersten (proletarischen) Frauenbewegung von Clara Zetkin kritisiert, dass die Verflechtungen von „Geschlecht“ und „Klasse“ nicht berücksichtigt bzw. geleugnet würden (vgl. Walgenbach 2007: 25).

In den 1960er Jahren wurde das Thema in den USA erneut aufgegriffen von einer neue Bewegung schwarzer Frauen; sie entwickelten die sogenannte „re-visionist feminist theory“.

Das Combahee River Collective, eine Gruppe schwarzer, lesbischer Frauen aus Boston, gegründet 1974 kritisierten in ihrem 1977 erschienen Text „A Black Feminist Statement“ den Androzentrismus der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, als auch die Ausblendung der Verflechtung von Rassismus und Sexismus in Bezug auf die ausschließlich auf „weiße“ , westliche, heterosexuelle, nicht behinderte Mittelstandsfrauen bezogene Analyse und Kritik der Frauenbewegungen; hier wurde also der Fokus auf den Zusammenhang der Kategorien „Klasse“ und „Geschlecht“ gelegt (vgl. Walgenbach 2007: 27)

Hieraus entwickelte sich die Mehrebenenanalyse der Race-Class-Gender-Unterdrückung (bzw. Dreifachunterdrückung von Kapital, Patriarchat und Rassismus).

Die Intersektionalitätsforschung geht über diese drei Kategorien hinaus; hier können auch Unterdrückungsformen wie Behindertenfeindlichkeit, Heterosexismus, Speziesismus, Ageism, Lookism, Ableism usw. miteinbezogen werden. Im in dualistischen Mustern verhafteten Triple-Opression-Modell werden diese Ungleichheitsfaktoren lediglich summiert, jedoch bilden sie in Wirklichkeit spezifische andere Formen der Diskriminierung (vgl. Kerner 2009: 350f.).

Den Begriff Intersektionalität prägte Kimberlé Crenshaw im Jahre 1980, sie thematisierte die Verknüpfungen der Kategorien „Race“ und „Gender“ in Bezug auf den Arbeitsmarkt in Amerika, die Antidiskrimierungsgesetze und Einstellungspolitiken kamen lediglich entweder schwarzen Männern oder weißen Frauen zugute, jedoch hatten schwarze Frauen nahezu keine Chancen, sich ihren Arbeitsplatz einzuklagen. Crenshaw bezieht sich hier auf die Einstellung eines Prozesses der Konzerne DeGraffenreid vs. General Motors in den 1970er Jahren; das Gericht wertete die Entlassung nahezu aller schwarzen Arbeiterinnen weder als rassistische, noch als sexistische Diskriminierung, da ja weder männliche schwarze, noch weibliche weiße Arbeiterinnen von Kündigung betroffen waren (vgl. Kerner 2009: 346f. ).

Die historische Entwicklung in der BRD knüpft an diese Debatte an; mittlerweile gilt die Intersektionalitätsforschung als neues Paradigma der Geschlechterforschung.

In den 1970er Jahren entstand in Deutschland im Rahmen der Frauenbewegung unter dem Slogan „Mein Körper gehört mir“ eine Bewegung behinderter Frauen, die diesen auf den Paragraph 218 bezogen, welcher die Sterilisation behinderter Frauen legitimierte.Auch schienen auf behinderte Frauen jegliche Weiblichkeitszuschreibungen nicht zuzutreffen; sie gelten weder als sexuell begehrenswert, noch für die Rolle der Mutter geeignet; vielmehr schienen sie überhaupt keine Geschlechtsidentität zu besitzen (vgl. Walgenbach 2007: 30 f.)

Hieran wird deutlich, dass Unterdrückungsfaktoren nicht lediglich addiert werden können, sondern auch völlig verschiedene Konzepte entstehen können.

Während der 1980er Jahre kam auch zunehmend Kritik an der deutschen Frauenbewegung durch Migrant_Innen auf in Bezug auf Rassismus und juristische Gewalt, ein Beispiel ist das „abhängige Aufenthaltsrecht“ vom Ehemann, welches eine Trennung (z.B. aufgrund von (sexueller) Gewalt) quasi unmöglich machte, außer mensch wollte abgeschoben werden (vgl. Walgenbach 2007: 34).

Auch eine jüdische Frauenbewegung ergriff Anfang der 90er Jahre das Wort: gegen den Antisemitismus und Antijudaismus in Gesellschaft und der deutschen Frauenbewegung (z.B. den Opfermythos der deutschen Frauen in Bezug auf den Nationalsozialismus; bzw. Relativismus/Revisionismus von „Holocaust an Frauen“ (Walgenbach 2007: 36), in der Hexenverbrennung gleichgesetzt wurde mit der Shoah). Die jüdische Frauenbewegung verwies hier auf die Täterinnenrolle ‚arischer‘ Frauen.

    1. Positionen zur Intersektionalitätsdebatte

      4.2.1 Anti-kategoriale Position

Die anti-kategoriale Position bezieht sich auf eine dekonstruktivistische Sicht und entstammt poststrukturalistischen Bewegungen. Dieser bezeichnet soziologische Ansätze und Methodiken, welche zunächst in den 1960er Jahren in Frankreich aufkamen. Ansatzpunkt ist die Erkenntnis, dass Sprache letztlich nicht die Realität abbilden, sondern auch durch Differenzkategorien und Ungleichheitsachsen aktiv konstruiert, konstituiert und reproduźiert.Gesellschaft wird nicht als gegeben und objektivistisch betrachtet, sondern in ihrer Kontingenz der Entwicklung.

Der Poststrukturalismus analysiert Gesellschaftsstrukturen und Diskurse in ihrer Verknüpfung mit Machmechanismen, welche diese Hierarchien etablieren und Herrschaftsverhältnisse produzieren und legitimieren. Wichtige Vertreter_Innen des Poststrukturalismus sind Michel Foucault mit seiner Diskursanalyse, in welcher Foucault darstellt wie sich Wahrheit und Wirklichkeit durch kulturelle Äußerungen, sowie über Mechanismen zur Etablierung und Legitimierung und einem Kampf um das „Hörbarmachen“ von Stimmen (vgl. Foucault 1977).

Andere Vertreter_Innen sind Jaques Derrida mit seinem Begriff des Dekonstruktivismus oder Judith Butler, welche ihren Ausgangspunkt in der dekonstruktivistischen Geschlechterforschung hat. Auch Butler beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit als gegeben oder natürlich erscheinende Sachverhalte auch diskursiv produziert werde, , also auch bestimmt durch wissenschaftliche Diskurse, politische Interessen und Machtverhältnisse.

Sie distanziert sich vor der Differenzierung von „sex“ und „gender“, da sie Geschlecht ausschließlich als soziale Kategorie begreift, welcher dem Körper als Produkt diskursiver Machtverhältnisse und kulturell definierten Annahmen von biologischen Merkmalen ein biologisches Geschlecht einschreibt, somit stellt sie auch das Zwei-Geschlechter-Modell der Heteronormativität in Frage.

„Werden die angeblich natürlichen Sachverhalte des Geschlechts nicht in Wirklichkeit diskursiv produziert, nämlich durch verschiedene wissenschaftliche Diskurse, die im Dienste anderer politischer und gesellschaftlicher Interessen stehen?“ (Butler 1991, 23f.) Auch Yuval-Davis verortet sich selbst im feministischen Diskurs eher dekonstruktivistisch, sie sieht die biologischen Merkmale als irrelevant für Geschlechterverhältnisse;

Geschlecht sei keine reale Differenz, sondern ein „Hilfsbegriff“ ( Yuval-Davis 2001:22), mit dem Menschen über biologische Merkmale in soziale Rollen definiert würden und Zuschreibungen erhalten.

Nach Yuval-Davis entsteht die Geschlechterdifferenz durch die bürgerlich-westlich-psychoanalytische Betrachtungsweise sowie die Spaltung in Kategorien wie z.B. Klasse, Ethnizität, Nation, Physis, Alter usw. und dem Vergleich mit anderen „subjektive[n] Identitäten“ ( Yuval-Davis 2001:25). Die Unterschiede innerhalb von der Kategorie Frau seien Resultat der Zugehörigkeit verschiedener Kulturen, ethnischen und nationalen Gruppen innerhalb von Machtstrukturen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Dies sei maßgeblich für ihre jeweilige Position und Status in der Hierarchie und im Vergleich zu anderen, als auch für das Maß an Zwangszugehörigkeit zu der jeweiligen Identität.

Demnach ist der Kontext von Staat, Nation und geschichtlichem Hintergrund entscheidend für die Positionierung gesellschaftlich definierter Gruppen und Personen (vgl. Yuval-Davis 2001:26; Kerner 2008: 245 f.).

Die Fiktion von Nationalstaat als Übereinstimmung von nationalen Grenzen mit den Grenzen der Bewohner_Innen des jeweiligen Staatsgebiets ließe die Herrschaft und Privilegien einer Gruppe als natürliche Gegebenheit aussehen, was diese legitimiere.

Die deviant konstruierten Subjekte werden marginalisiert ( Yuval-Davis 2001:23 f.). Der Staat sei wichtig abzugrenzen von den Begriffen „Familie“ und „Zivilgesellschaft“ als verschiedene gesellschaftliche Sphären.

„Staat“ als Begriff eröffnet diverse Perspektiven, z.B. als „Produkt von Klassenantagonismen“ (Lenin 1977, zitiert nach Yuval-Davis 2001:29), als Zwangsinstrument, welcher Recht und Ordnung über eine Exekutivgewalt stelle oder als Institutionsgefüge (nach Yuval-Davis und Anthias), welche als gemeinsames Ziel Kontrolle habe und über den notwenigen Durchsetzungs- und Repressionsapparat verfügen.

Diese Staaten seien in ihren Ausprägungen bestimmt durch das Verhältnis von Kontrolle und Zwang. Hiervon wird die Zivilgesellschaft abgegrenzt als Institutionen/Gemeinschaften außerhalb der „staatlich rubrizierten Parameter“ ( Yuval-Davis 2001:31), welche diese prägen und geprägt werden. Familie hingegen wird definiert als sozial, politisch und ökonomische verwandtschafts- bzw. freundschaftsbasierte Haushaltsbeziehung. Staaten seien unterschiedlich durch Form der Machtausübung, der Mechanismen und ihre Reproduktion und vor allem die Zugriffsart bzw. Einflussmöglichkeit von Teilen aus Zivilgesellschaft und Familie auf staatlichen Zwang und Kontrollinstrumente.

Diese drei Bereiche hätten eigene ideologische Ziele und Vorstellungen und in verschiedenen Gesellschaftsformen unterschiedliche Zugriffe auf politische und ökonomische Ressourcen, sie können unterschiedlich auf kategorisierte Gruppen wirken, jedoch seien sie nie homogen ( Yuval-Davis 2001: 31 f.).

Der Begriff Nation bezeichnet eine ideologisch-politische Konstruktion, welche verschiedene Ansätze/Interpretationen zulasse. Ursprünglich war eine natürliche geschlechtliche Arbeitsteilung im Begriff Nation impliziert, sie erweiterte quasi das Konstrukt der familiäre Beziehung, in welcher der Mann naturgegeben als Beschützer betrachtet wurde. Anderson setzte dem die Idee der „Nation als imaginierte Gemeinschaft“ (Anderson 1983, zitiert nach Yuval-Davis 2001: 32) entgegen, welche aus der historischen Entwicklung Europas resultiere. Die Zugehörigkeit würde jedoch trotzdem als natürlich angesehen und legitimiere damit auch nationalistische „Opfer“; auch Nationalismus wurde durch dieses Zugehörigkeitsgefühl erklärt.

Der anti-kategoriale Ansatz kritisiert also kategoriale Zugänge (wie z.B. den Differenzfeminismus, da diese die Problematik vereinfachen, nicht reflektieren und somit Herrschaftsverhältnisse reproduzieren und Gewaltausübung legitimieren.

Er zerlegt also Ungleichheits- und Herrschaftskategorien und kritisiert Identitätsvorstellungen und Ausschlussprinzipien. Die Aufgabe liegt hier darin, vorbewusstes Wissen explizit zu machen

(vgl. Degele 2008: 143).

4.2.2 Inter-kategoriale Position

Die inter-kategoriale Position befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen den Kategorien; Vertreter_Innen fordern eine gesellschaftstheoretische Einbettung von mehreren „Achsen der Ungleichheit“ (Degele 2008: 144f.). Auch hier gibt es verschiedene Ansätze:

Cornelia Klinger, Gudrun-Axeli Knapp und McCall nehmen beispielsweise Arbeit als Referenzpunkt für ihre Analyse der Interdependenzen der Kategorien Geschlecht, Klasse und Ethnizität (vgl. Degele 2008: 144f.)

Klinger und Knapp verfolgen einen gesellschaftstheoretischen Intersektionalitätsansatz, indem sie das Verhältnis verschiedener Achsen der Ungleichheit analysieren und Aussagen zu Ähnlichkeiten und Unterschieden treffen, sie sind für eine „heuristische Symmetrisierung der Achsen“ (Kerner 2008: 345). Hierbei differenzieren sie in Konvergenzen, also Übereinstimmungen oder ‚Aufeinanderzuentwicklungen‘, Überschneidungen (auf individueller Ebene), Verflechtungen (in Bezug auf die Strukturebene). Ina Kerner krisiert an diesem Ansatz jedoch, dass er auf personaler Ebene vielmehr additiv als intersektional anwendbar sei, als auch dass auf institutioneller Ebene konkrete Verflechtungen fehlen würden (vgl. Kerner 2008: 355).

Patricia Hill Collins differenziert drei Dimensionen der Unterdrückung: die ökonomische, die politische und die ideologische Dimension, diesen Ansatz entwickelte Kerner fort.

Sie hält ein mehrdimensionales Modell des Verhältnisses Rassismus/ Sexismus für sinnvoll, so werde eine multiperspektivische Sicht auf eine Sache möglich. So sollen zugleich Ähnlichkeiten, Unterschiede, Kopplungen und Intersektionen untersucht werden (vgl. Kerner 2008: 374 f.)

Nina Degele und Gabriele Winker nehmen zu den drei klassischen Kategorien die Kategorie Körper hinzu, ihr Analysemodell umfasst zudem drei Untersuchungsebenen: Struktur, Identität und Repräsentation (vgl. Degele 2008: 141 f.)

Verloo unterscheidet in politische und strukturelle Intersektionalität in Verbindung der Kategorien Geschlecht, Klasse, Ethnizität und Sexualität.

Pollert hingegen beschäftigt sich mit der Diskussion und die Dekonstruktion des Patriarchats in Bezug aus den Kapitalismus. Konsens ist jedoch, dass es bislang kein hinreichendes Verständnis gibt und das dieses nur über abstrakte Theoriedebatten der Kategorien erlangt werden kann. Zudem wird ausgegangen von einer sozialstrukturell verankerten Flexibilisierung sozialer Ungleichheit. Als einheitliche Strukturierungsmerkmale werden Kapitalismus, Produktion und Reproduktion gesehen; die kapitalische Logik gilt jedoch auch als ambivalent: Einige Ziele der Emanzipation sind kompatibel und von Nutzen, stützen jedoch gleichzeitig den Kapitalismus durch Nichtbewertung von Hausarbeit (vgl. Degele 2008:144f.).

4.2.3. Intra-kategoriale Position

Die intra-kategoriale Position befasst sich nach McCall mit Differenzen und Ungleichheiten innerhalb einer Kategorie, was trotz oder gerade durch die Undefinierbarkeit von Kategorien viel strategische Arbeit darstellt. Beispiele für diesen Ansatz sind Identitätsforschungen und -Studien, bzw. Studien zu Subjektivität (vgl. Degele 2008: 144)

 

 

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